Die neue Broschüre "Sexuelle Bildung in Einrichtungen" wurde vorgestellt

Broschüre Titelseite
Burgenlandkreis und Hochschule Merseburg kooperieren zur Sexualbildung von Geflüchteten

Seit mittlerweile zwei Jahren engagiert sich der Burgenlandkreis erfolgreich in der Sexualbildung von Geflüchteten. Zuvor hatten Fachkräfte, die mit Zuwanderern arbeiten, einen hohen Bedarf signalisiert, weil Themen wie Geschlechterrollen, sexuelle Selbstbestimmung und Verhütung immer wieder zu Herausforderungen und Missverständnissen führen. Inzwischen absolvierten über 80 Fachkräfte mehrtägige Fortbildungen, darunter etwa Mitarbeiter von Gemeinschaftsunterkünften, stationären Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendberater. Zusätzlich werden nun die Workshops zur Sexualbildung mit den Geflüchteten selbst ausgebaut. Das Projekt aus dem Burgenlandkreis mit dem Titel "Sexuelle Bildung im Kontext Geflüchteter" konnte auch beim Bundeswettbewerb "Zusammenleben Hand in Hand - Kommunen gestalten" überzeugen, wo es mit einem mit 10.000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet wurde. 

Die nunmehr in einer gemeinsamen Pressekonferenz des Burgenlandkreises und der Hochschule Merseburg vorgestellte Broschüre "Sexuelle Bildung in Einrichtungen: Interkulturelles und intersektionales Rahmenkonzept" wurde von einem Team um Prof. Dr. Voß, Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg, für den Burgenlandkreis erarbeitet. Die Publikation richtet sich an Fachkräfte in Einrichtungen für erwachsene oder minderjährige Geflüchtete. Sie erhalten damit eine Handreichung, wie sie mit den sexuellen Themen in den Einrichtungen umgehen können.

Prof. Dr. Voß: "Lernaufgaben im Themenfeld Sexuelle Bildung betreffen alle Kinder und Jugendlichen - egal, ob sie schon länger in Deutschland sind oder erst seit kurzer Zeit hier leben. Zugleich haben auch Erwachsene Wissensbedarf: Auch diejenigen, die schon länger oder von Geburt an in der Bundesrepublik leben, kennen etwa die Regelungen des Strafrechts oft nicht genau. Erwachsene, die neu in der Bundesrepublik angekommen sind, müssen zunächst einen Überblick über die Regelungen des Sexuellen in diesem Land gewinnen. Nicht nur rechtlich, sondern im täglichen Umgang miteinander geht es um solche Fragen: Wie spreche ich einen anderen Mann oder eine andere Frau an? Wie kommt man sich schließlich näher?"

Die Broschüre wird von den Einrichtungen im Burgenlandkreis gerne angenommen. Einen Eindruck von den Herausforderungen im Bereich Sexualität gibt Heike Henschler, Leiterin einer integrativen Mädchen-Wohngruppe, in der Geflüchtete zum Teil mit ihren Kindern leben: "Viele der jungen Frauen waren kaum aufgeklärt. Gerade zu Themen wie Verhütung oder Geschlechtskrankheiten haben wir deshalb Bedarf gesehen. Aber mir geht es auch darum, dass die jungen Frauen einen Raum bekommen, um darüber zu sprechen, dass Sexualität mehr ist als Sex, dass Intimität und Zärtlichkeit dazu gehören, dass man auch nein sagen kann zu sexuellen Annäherungen, die man nicht möchte."

Der Burgenlandkreis hat früh erkannt, dass das Thema Sexualität neben Sprache und Arbeit kein Randthema ist. Denn Themen wie Liebe und Partnerschaft, Sexualität, die eigene Identität als Mann oder Frau und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gehören zum Menschsein elementar dazu. Wenn über solche Themen nicht gesprochen wird, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Zeliha Civrilli, Integrationspädagogin im Burgenlandkreis, ist froh, dass sie und andere Frauen und Männer jetzt intensiv fortgebildet wurden. So fühlt sie sich sicher, um künftig den Geflüchteten selbst Workshops zum Thema Sexualität anbieten zu können. An den Fortbildungen haben auch zwei Männer aus Syrien und Afghanistan teilgenommen, die nun die Workshops für die männlichen Migranten übernehmen werden.

Auch schon in der Vergangenheit wurden zum Thema Sexualität Workshops mit Geflüchteten angeboten. Die Erfahrungen zeigen, dass die Veranstaltungen gut ankommen. Dabei ist es aber wichtig, respektvoll und offen mit den verschiedenen Meinungen und Erfahrungen umzugehen. Das geht nicht, ohne als Referentin und Referent vorher die eigenen Annahmen und Werte zum Thema Sexualität und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

Hochschule Merseburg:
Die Hochschule Merseburg ist ein zentraler Ort für Lehre und Forschung im südlichen Sachsen-Anhalt. In den drei technisch, ökonomisch sowie sozial-kulturell ausgerichteten Fachbereichen wird Lehre nah an aktueller Forschung betrieben, die regional in Netzwerke mit Unternehmen, Institutionen und sozial-kulturellen Trägern eingebunden ist und bundesweit ausstrahlt. Im Themenfeld Sexualität bietet die Hochschule Merseburg - einzigartig im deutschsprachigen Raum - den konsekutiven Masterstudiengang Angewandte Sexualwissenschaft an, hinzu kommt der kostenpflichtige Masterstudiengang Sexologie. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung werden aktuell die Projekte "Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung" und "Sexuelle Bildung für das Lehramt" an der Hochschule Merseburg gefördert (letzteres in Kooperation mit der Universität Leipzig). Über EU-Mittel wurden von der Hochschule Merseburg und ihren Partnern im Projekt TRASE Angebote und praxistaugliche Materialien im Themenfeld Sexualität und Behinderung entwickelt, in Zusammenarbeit mit dem Landesschulamt Sachsen-Anhalt wird aktuell die Etablierung von Schutzkonzepten an Schulen vorangetrieben. Gemeinsam mit dem Burgenlandkreis entstanden das hier vorgestellte bundesweit wegweisende Rahmenkonzept und damit verbundene Angebote zur interkulturellen und intersektionalen Sexuellen Bildung.

Beschreibung (Dateigröße)
  1. Broschüre Broschüre ( 675.22 kB)

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